
Eine kleine Auswahl von Gedichten und Kurzgeschichten aus meinem Buch "Als ahntest Du bereits, wie spät es ist.."
Angekommen
Wenn Menschen andrer Städte im Verkehr verkommen,
so gehst du hier durch lichte Straßen,
die nirgends Schluchten sind
und überall den Blicken weite Landschaft lassen.
Am schönsten aber sind die frühen Sommerstunden,
wenn blasser Mond sich in dem frischen Blau der Oder
weißlich spiegelt und auf der Brücke,
mitten in dem Duft des Flusses,
voll Atem, frank und frei, du hören kannst,
wie von Marien die Glocke schlägt
und wie im Hin und Her der Amselrufe
sich beide Ufer für Momente binden.
Ode an die Oder
Barbarisch, scheint mir, sind solche
die über Jahrtausend Gewordenes trennen.
Doch zum Glück auf Dauer vergeblich!
Denn auch das Oderland,
die Ufer des Stromes, Quelle, Lauf und Mündung,
findet sich jüngst wieder unter höherem Dache.
Vor allem die Städte dort
und die Menschen in seinen Marken.
Oftmals, wenn die Wasser steigen und sinken,
gefrieren und tauen, zahm daher oder zornig,
hell oder schwärzlich kommen und gehen
sind sie mir Abbild der Seele.
Ermutigen will ich jene,
die das Raunen des Flusses
vermögen zu binden in ewigen Worten.
Denn zu selten noch finden
Fluss und Gedicht, Oder und Ode
geschwisterlich zueinander.
So will ich jene preisen,
welche unermüdlich erinnern
an die Hoffnungen der Gewesenen.
Ihr Wirken tröstet.
Misslungen
Ich bin wieder in Frankfurt. Keiner öffnet mir gerne die Türen. In den Gesichtern nur Spott, mit Augenwinkeln voller Verachtung. Was bin ich doch für ein Narr. Hoffte ich nicht, wenigstens hier Menschlichkeit zu finden. Hingegen ist es wie überall: Kein Impetus für Gemeinschaft, wohin man schaut dehnt sich Poesie leere Brache. Kulturheuchler in erkaltender, seelen- und geistloser Zivilisation. Wo einst Gemeinschaft war, jetzt nur noch ein Nebeneinander; kaum jemand ehrlich auf Gemeinsinn aus, die Mehrheit an Befindlichkeiten fixiert.
Nachricht vom Verlag: Meine Gedichte erbrachten bisher ein Euro, zweiundsiebzig Cent. Das Honorar für immerhin etwa 7 Lyrik-Titel. Ich finde mich im Lenne-Park wieder. Sitze dort lange am Wehrgraben der einstigen Stadtbefestigung, dort, wo eine Trauerweide neben einer wilden Rose, drapiert von Findlingen, ehemals herangeschleppt, ein magisches Sinnbild geben, dessen Geheimnis ich jedoch nicht erschließen kann. Unerwartet kam mir Kleist in den Sinn. Seine Schwermut, seine Scham beim letzten Besuch dieser Stadt, 1811, im Oktober, bevor die Katastrophe geschah. Hatte er vielleicht gerade hier gesessen, damals, in mitten der zerfallenden Fortifikation. Und etwas sehr Vermessendes, das Gefühl einer mysteriösen Gleichzeitigkeit, überkam mich, welche alle wahre Dichtung erst möglich macht und mich Unwürdigen, wenn es auch nur Sekunden waren, teilnehmen ließ.
Es ist Nacht geworden. Von der Stadt her, vom Brunnenplatz lärmende Musik. Meinem Ohr schmerzhafte Kakophonien in einem von Flak-Scheinwerfern durchtasteten, schwelenden Dunst. Ausgelassene, scheinbar sorglose Menschen, je zu Vieren auf einem Quadratmeter, tanzen und hopsen, von den Donnerschlägen der Pauken wie solche eines Jüngsten Gerichtes synchronisiert. Sie nennen es Oktoberfest.
In den nächsten Tagen hatte ich eine Lesung meiner Gedichte angekündigt. Obgleich ich für nur fünf Zuhörer gelesen hätte, kam es nicht dazu, denn ihrer Zwei riefen nach wenigen Worten, dass dies Mist wäre. Keine Sau würde mehr so sprechen. Ich wagte Widerrede, der Rest war Schweigen. Der November brach an. Alle Winkel ausweglos, über alle Gassen grobe Säcke gestülpt!
In der Zeitung steht, dass die Politik sich einig ist, dass ein Recht auf Suizid bestehe. Sie kann es jedoch nicht setzen, weil dazu, mutlos und moralingesäuert, nicht stark genug! Überall die Schwäche einer heuchelnden Mehrheit.
Das Oder-Frankfurt nimmt in Bonus-Statistiken selten, in denen des Malheurs meistens vordere Plätze ein. Wozu die Suizid-Tabelle gehört, will ich nicht beurteilen, nehme aber an, dass im Falle betagter Bürger wie mich die Rentenversicherung einen anderen Blickwinkel hat als die Kirche. Der hinlänglich bekannte Protestdichter Henry Martin K. hat es ja auf den Punkt gebracht: Wer in Frankfurt (an der Null) etwas werden will, muss sich erschießen oder durchbeißen. Da ich nicht bissig bin, öffnet sich meiner Ruhmsucht ein einziger furchtbarer Weg. Ein Weg, umtobt von den himmlischen Heerscharen, gesäumt von gefallenen Engeln, unumkehrbar, streng in der Richtung: zu Charon, zum Styx. Der Gedanke belebt mich. Mache ich es doch in voller Identität, selbstbestimmt, im Genuss der Freiheit, dieser magischen Göttin, die sich von jedem küssen lässt, wenn er sie nur oft genug im Munde führt, jedoch nur den Mammon liebt. Mein Entschluss ist gefasst. Ich werde es wie Kleist machen! Genauso.
Was ist von Nöten? Die Vogel, ein Gewässer, ein Uferweg, ein Wirtshaus, etwa 500 Schritte entfernt vom Tatort; Bedienung, die Sekt, Kaffee und Geflügel heranbringt und eine Pistole.
Zunächst der Ort. Ewald Kleists vergessener und geschändeter Gedenkstein auf dem Kunersdorfer Schlachtfeld, den zu pflegen und zu schützen eine ganze Doppelstadt nicht in der Lage ist, fällt mir als erstes ein. Doch dort fehlte alles andere. Höchstes eine verrostete Pistole fände ich vielleicht. Und dann das Kompetenzgerangel der Bürokratien um die Verblichenen. Nein, es ginge nicht.
Aber der Ziegenwerder! Ich laufe ihn ab, sehe die nach preußischem Drill aufragenden, elefantengrauen, Pappel-Leichen direkt am Oder-Ufer. Schließlich ist ja dieser Platz schon zeitgenössisch bedichtet worden! Doch das Wirtshaus-Residual mit dem typisch märkischen Namen Kakadu-Island ist zu weit. Und es sind auch keine markanten Türme in der Ferne zu sehen, mit deren Peilung man nach hunderten Jahren noch im wissenschaftlichen Drang den genauen Standort des Ereignisses werde rekonstruieren können.
Dann jedoch, direkt unterhalb der Gastronomie, exakt sechshundert Schritte von ihr entfernt, weit und nah genug, die Schüsse zu deuten! Eine magische Stelle, neben der „Aktions-Wiese“, hart am Uferweg, von vier geheimnisvollen uralten Ulmen beschattet. Ich spüre den Atem des Unvermeidlichen. Ein pythagoreisches Dreieck wird sich zwischen dem Barockhelm des ehemaligen Schützenhauses, dem hoffentlich eines fernen Tages fertiggestellten, (Ewald)-Kleist-Turms und diesem schauerlichen Ort gut finden lassen. Welch ein Fest für die Geometer exakter Wissenschaft.
Der Kakadu ist für die Authentizität des Projektes wichtig. Das erste Problem stellte sich ein. Der kaum auffindbare Betreiber des Etablissements war tagelang nicht aufzufinden. Ich ermittelte seine Telefonnummer und trug ihm mein Anliegen vor. Ob ich noch alle Tassen im Schrank hätte, tönte es nach geraumer Zeit atmender Verwirrung aus dem Hörer. Jeder wüsste doch, dass er im Herbst nur für größere Veranstaltungen da sei, mindestens 200 Leute. Und nun soll er für zwei Mumien Kaffee, Sekt, kaltes Fleisch („was ist das überhaupt“) zur Oder bringen, über die verholzte und vergammelte Aktions-Wiese, dieses mehrmals abgesoffene, von verseuchten Schweinen überwilderte Unland. Also, noch einmal, ob ich noch alle Tassen im Schrank hätte. Ich musste kompromissbereit sein. Werde also am Abend davor einen Korb mit dem nötigen in einen nahen Busch stellen und als vorletzte Rolle meines Lebens eine Tagelöhnerin spielen, bevor ich in die des Mörders schlüpfen werde.
Nun die Henriette Vogel. Mir fiel sofort Helene ein. Ich hatte sie etwa vor drei Jahren bei einem Tanztee der Volkssolidarität kennen gelernt. Ein elegisches Wesen. Wenn ich sie besuchte, faszinierte sie mich mit manisch-depressiven Auftritten in durchaus beherrschter Dosis. Auch diesmal. Nach wenigen Minuten schon las sie mir aus Klopstocks „Frühen Gräbern“ vor, um gleich danach, mit der Fernsehzeitung in der Hand, darauf hinzuweisen, dass sie ein großes Opfer brächte, denn am geplanten Tag käme die 5333 Folge der Roten Rosen, in der sich nach aller Voraussicht das gewaltige Drama schürzen würde. Doch die Parzen hatten offenbar auf meinen Entschluss gewartet, selbst das Unwahrscheinliche fiel mir zu. Helene war trotzdem einverstanden. Sie wollte, mit weißem Kleid angetan, alles, was verlangt wird, freudig erfüllen…Dann weinte sie vor Freude.
Als ich sie so aufgelöst sah, fiel mir ein, dass die unerbittliche Historie ja verlangte, die letzte Nacht, in der Herberge am See, gemeinsam zu verbringen, um dann am Schicksalstag, Hand in Hand, gelöst und fröhlich durch Wald und Wiese zum Erfüllungsort zu springen. Ich konnte nicht umhin, aufkommendem Zweifel Raum zu geben. Mit Helene, eine ganze Nacht! Doch was soll´s. Der Morgen wird tagen. Und die Freiheit unendlich groß sein.
Zufällig und unerwartet, in Vorbereitung eifrig unterwegs, traf ich den Chef des Insel-Biergartens an seinem Arbeitsort. Ich wagte es, ihm unter die Augen zu treten und mich erkennen zu geben.
„Ach, Sie sind der Vogel!“ - grinste er, den Pinsel, mit dem er abblätternde in einer ihrer Gartenstühle hastig in grellem Rot überstrich, auf das Holz pressend. Ich sagte doch schon…!“ Hastig antwortete ich, dass ich eine weitere Bitte habe, die ihm keinerlei Mühe bereiten würde, eine pikante Angelegenheit, unter Männern. Er sah mich schiefen Hauptes an. Bedrückt flüsterte ich: „Vielleicht hätten Sie ja, also nur für eine Nacht, in einer der Buden - vielleicht ein Bett?“ Der Pinsel fiel spritzend in den Farbtopf, offenen Mundes starrte er mich an. „Opa!“ - sagte er, „Opa, geh nach Hause, schnell, Du weißt doch, wo du wohnst? Warte!“ Er zog sein Handy hervor, beschmierte es mit Farbe und fotografierte mich. „Für die Suchmeldung“ – betonte er und ich solle verschwinden, sonst…!“ Dabei stippte er mit dem Pinsel mehrmals zum Firmament.
Ich sagte Helenen, dass wir wahrscheinlich wesentliche Abstriche machen müssten. „Ach was!“ - nahm sie mir beflissen meine Wankelmütigkeit. Ihre Residenz am Anger wäre doch nur ein paar Schritte vom Werder entfernt, das halten die Annalen schon aus. „Ich habe ein Einbett-Zimmer!“ - kicherte sie, mich dabei wie der Vogel den Wurm fixierend. „Alles ist erlaubt. Wir brauchen uns nicht zu verstecken!“
Ort und Partner waren gefunden. Jetzt, die Waffe. Ich fragte meinen Friseur, ein guter Mensch mit Migrationshintergrund. Er war entsetzt und lehnte es ab, mich weiterhin zu frisieren. Aber ich glaubte ihm die Empörung nicht. Wenn ich die dunklen, modelmäßig frisierten, unbegleiteten Jugendlichen sehe, in Gruppenstärke, den Bürgersteig grimmig behauptend, da haben bestimmt einige Wenige nicht nur ein Messer, sondern auch eine Pistole in der Socke. Trotzdem, für Deutsche ist es nicht so einfach, eine geeignete Schusswaffe zu besorgen! Aber wir glücklichen Frankfurter haben ja Polen direkt vor der Tür! Wenn sie schon unsere Denkmäler missachten, für zwei tote Deutsche rühren sie vielleicht die Hände! Aus dem Internet erfahre ich, dass Gorzow günstig sei. Da gäbe es ein Military Geschäft; da sollte man drei Tage hintereinander, kurz vor Ladenschluss, nach einer starken Schreckschusswaffe fragen, dann bekäme man am Vierten ein gutes, scharfes Angebot.
Vier meiner letzten Tage! Neben der Aufgabe erfüllte ich mir noch einige verwegene Wünsche. Der November war vorgerückt, der ehern bestimmte Termin, mein Ende auf diesem Planeten, nahte, Ich besuchte das Casino, leistete mir eine Ganz-Körper-Massage im größten Hotel der Stadt und wagte sogar am Abend ein Tänzchen. Ich war, wie ich glaubte, der Liebling des Personals. Jedenfalls gab es niemanden, der nicht übers ganze Gesicht lachte, wenn er mich sah. Um ein Haar hätte mich das Leben zurück. Aber mit dem Schicksal spielt man nicht. Als ich endlich die Waffe bekam, packte mich ein furchtbarer Hexenschuss. Mit letzter Kraft, beinahe hätte ich die Munition, extra in einem Kistchen verpackt, liegen gelassen, strebte ich zu dem Frankfurter Finale, erneut die ganze Welt der Schmerzen tragend, eben ein unglückseliger Atlas!
Der Vortag kam. Später als schicklich, trat ich durch die Tür von Helenes Residenz. Dem Pförtner gefiel ich nicht. Und mein Ansinnen, jetzt noch Helene zu besuchen, ganz und gar nicht. Aber von allen Freiheiten unseres Wertesystems hat die sexuelle aktuell den höchsten Rang. Entsprechend nachgeschult, ließ er mich mürrisch ein. Helene, im luftigen Kleid, fiel mir um den Hals. „Ich habe gewartet“ - säuselte sie.
Schon am Vormittag des 21. Novembers begann es zu nieseln, der dünne Regen verschnürte sich über der Oder zu Fäden, die wie kalte lange Finger nach uns griffen, ihr Kleid hatte jäh etwas gespenstisches, ihre Haare, eigentlich weiß aufgebauscht, fielen sichtbar grau zusammen, von den Gliedern her schlackerte ihr ganzer Körper erbarmungswürdig. Als nur vermutetes Imitat wollte ich das Finale mit der Lesung meines vermeintlich besten Gedichtes einleiten, merkte aber am sofort aufweichenden Manuskript und der Mimik Helenes, dass dies atmosphärisch nicht zumutbar wäre.
Gegen 3 Uhr, in angemessener Attitüde, dem Unvermeidlichen ergeben, öffnete ich das Patronen-Kästchen, griff nach der Waffe und wollte sie laden. Helene stierte auf die Pistole, sah sie zum ersten Mal. Erschrocken merkte ich, dass mir der Pole wohl ein falsches Kaliber angedreht hatte. Ich wollte es nicht wahrhaben und zwängte die Munition hinein, was auch gelang. Helene spürte Verwirrung und Unsicherheit, sprang auf und verlautbarte zitternd, zum Fliehen bereit, dass alles so grauslich wäre, als ob sie nun endgültig und wahrhaftig sterben müsse, nass, unfrisiert, ohne jede Hoffnung, dass ein letzter Dreh den Stream noch ins Happyend drehen könnte.
Es war Zeit für die Henkersmahlzeit. Ich ging auf den Busch zu. Mich wunderte, dass im Regengeriesel ein kehliges Geräusch aufwuchs und stand, nur Zentimeter entfernt, einem Wildschwein gegenüber. Da ich gegen den Wind kam, war das Tier ebenso erschrocken wie ich. Ich hatte die Waffe bei mir. Mein erster Gedanke war zu schießen. Beim Zielen bemerkte ich, dass unser Mahl völlig vermanscht und zerwühlt war, in den spärlichen Hauern des unerfahrenen Überläufers hing der kalte Braten. Einzig die Sektflasche war unversehrt. Ich drückte also nicht ab, sondern nahm den Sekt und warf nach dem Tier. Die Flasche fiel auf einen Stein, ihr Hals brach ab, der Sekt schäumte heraus. Neugierig ließ der Jung-Eber von mir ab und begann, an Flasche und Stein zu lecken. Der Sekt wirkte sofort. Das Tier benahm sich unerwartet, umrundete die Flasche, saugte am durchtränken Gras, drehte sich um die eigene Achse, wälzte sich schließlich, fröhlich grunzend um und um, hopste wie ein Böcklein, verschlang schließlich das Gras mitsamt dem Reste des Sterbe-Gerichts. Eine zweite, eine dritte Sau tauchte auf und begab sich in Angriffsstellung. Auch hinter mir raschelte das Gebüsch und Helenes abgeklatschte Silhouette erschien. Als sie die Schweine erblickte, schrie sie schrill und anhaltend auf, dann hörte ich noch ein sich schnell entfernendes Knacken. Helene war verschwunden. In einem noch grünen Brombeerbusch hingen Fetzen ihres Kleides. Der besoffene Eber, vom Geschrei wieder in der Wirklichkeit zurück, plötzlich sehr böse schnaufend, nahm mich an. Ich drückte meine Pistole ab. Ein metallisches Geräusch. Sonst nichts. Schon an meiner Wade die halbstarken Hauer fühlend, spaltete mein Hirn plötzlich ein schrecklicher Blitz des Bewusstseins. Ich stand wie festgenagelt. Ein Schlag des Wahnsinns, eine Offenbarung von Erkenntnis: Was tue ich hier? - überschlugen sich meine Gedanken - unter den Säuen…?
Ich war plötzlich voller Scham und Empörung. Woran habe ich mich vergriffen? Ich, der Pinscher, der in nichts an das Große heranreicht, bin vermessen genug, das, was aus der unbeschreiblichen Leidensfähigkeit eines Genies heraus beschlossen und königlich vollendet wurde, nachzuahmen. Ich, im Schatten seines Werkes nicht sichtbar, erdreiste mich, ihm im Tode ähneln zu wollen…
Das pubertierende Schwein verharrte ebenso, stand auch nachdenklich da und blinzelte. Dann drehte es ab, um seine Eroberungen gegen die Eltern zu verteidigen.
Ich hingegen, ja ich lebe noch immer. Und Helene geht auf die andere Straßenseite, wenn sie mich sieht.
Odertal
Die Sonne nicht, das Licht
verwöhnt den Strom.
Als hätten Strahlen ferner Sterne sich gesellt
und fänden hier Willkomm ‘nen Aufenthalt.
Da leuchten Auenwälder auch im Schatten
und Ufers Grün taucht tief und tanzt,
vom Wasser angenommen
gleich dem Eignen Blau.
Nachts, an den Erlenstämmen fahl
schimmern die Biber Narben
wie ruheloses Augenlicht.
Mit mir geh ‘n Worte durch das Tal.
Erneuern dort verblasste Farben.
Und glänzen schließlich im Gedicht.
Nationalität
Eine Schwalbe, ein Flickmannsmützchen, das unter der Brücke von Frankfurt nach Slubice lebte und über der Fahrbahn, voller Lebenslust und Übermut, risikobereit zwischen den Autos umherstrich, wurde von einer Protzkarre - Cabriolet und Schirmmütze und Florentinerhut - aufgesogen. Sie fiel, von der Windschutzscheibe gestreift, in die gelben Lederpolster des Wagens.
Die Welt verschwamm. Das für sie vorgesehene Leben aber reichte, um den hysterischen Schrei zu hören: „Iiihh, eine tote polnische Schwalbe, ekelhaft, das bringt Unglück, gleich wirfst Du sie hinaus!“
So geschah es. Der Vogel, geworfen, erlangte über der duftenden Oder noch einmal, wenige Augenblicke nur, Leben. Noch einmal streckte er die Flügel und zwitscherte. „Was? Ich bin eine polnische Schwalbe?“ - fiel herab und in ihr Schicksal, welches die Form eines Welses hatte, der dort, eben auch vom Schicksal getrieben, vorbei schwamm und ihr Gezwitscher verstand. Voller Hoffnung riss er das Maul auf und freute sich, von der Natur auch einmal ohne Anstrengung gefüttert zu werden.
Trotzdem: nach Wels Art musste er, kaum den Leckerbissen hinuntergewürgt, brabbeln: „Polnische Schwalbe, so ein Unsinn!“ Und sträubte grimmig seine Barteln.
Lied des Obdachlosen im Lenné-Park
Morgens ist es immer mies!
Über den Passagen prangt,
dort, wo unterm Fuß der Kies
schmerzhaft knirscht, die Werbung fies:
„Fragen Sie doch Ihre Bank!“
Morgens bin ich immer krank!
Heile, heile Segen,
werde mich ein wenig legen.
Oben ist der Himmel blank,
unten drückt die Bank.
Heile, heile Segen,
werde nun ein wenig schauen
auf die mir verschloss ‘nen Frauen
und die auf gestylten Penner
und die Inlineskater–Renner,
die mir meinen Park befahren,
dort, wo noch vor wen`gen Jahren
Menschen, die mich grüßten, waren!
Ich beginn, sie anzustarren,
bis allmählich in dem Ganzen
Lichter auf und nieder tanzen.
Schlage mir nun hoch den Kragen,
höre meine Pulle rollen
und die Hunde knurr´n und grollen
und im Traum die Bank mich fragen:
„Haben Sie noch was zu sagen!?“
Brieger Gänse
Oft, mit der Kälte neuer Jahre,
schwimmen im Flusse tausende Inseln.
Unbewohnt, selbst von den Möwen gemieden.
Gebilde einzig der Oder.
Eisschollen!“ – sagen die Meisten auf der Brücke.
„Küsse!“ – einige Wenige.
„Eisbecher“ – ein kleines Mädchen.
„Räder!“ – ein Rundkopf mit bloßem Haarkranz frierend.
„Brieger Gänse!“ – ein Klugscheißer!
Ungerührt ziehen sie derweil dahin.
Ruhig in der Mitte der Oder die Mehrheit.
Halten wir diese fest im Auge,
scheint sie es zu sein, die uns bewegt.
Nur am Rande des leise singenden Zuges,
an den Ufern und unter den Brücken,
da tanzen seltene Außenseiter,
tauchen und schieben sich übereinander,
heben und drücken und lärmen beim Zerschellen.
Von oben schauen wir meistens diesen zu;
ihrem Trudeln, Tanzen und Brechen vor allem!
Ist uns das Treiben extremer Gaukler
näher als das „Fahr wohl!“ der Mitte?
Seht doch auf unsere Wohlfahrt!
Sind die Küsse zerronnen
treiben wir wieder durchs Leben,
stoßen an unsere Grenzen
und vergehen unauffindbar dort,
woher wir einst kamen