Über die Würde

Veröffentlicht am 10. September 2026 um 12:43

Gedanken über Würde und Moral

Das Recht auf Würde ist in unserem Lande unantastbar und niemandem zu nehmen!  Aber wie steht es um sie als ethischer Kategorie?

In mancher Nacht beobachte ich von meinem Fenster aus den Brunnenplatz von Frankfurt an der Oder. Mitunter sehe ich Obdachlose, die dort auf den Bänken schlafen, nicht nur in warmen Nächten; Flaschensammler laufen ihre Touren, leuchten in die Papierkörbe, stören die Schlafenden, zanken mit den Schicksalsgenossen, was mitunter an Revierkämpfe erinnert. Für manchen "offensichtlich nicht gut Weggekommenen" scheint der Comic-Brunnen die einzige Dusch- und Badegelegenheit zu sein, wo Körper und Kleidung zugleich gesäubert werden, was zu derben Kommentaren der davon Gestörten anregt. Einmal wurde ich in solches Scharmützel einbezogen. Ich hatte einen "Flachen Alfred", noch gut gefüllt, bei mir, was die Wogen glättete und zu einem Gespräch mit einem der Obdachlosen führte. Sein Fazit lautet: "Ob wir uns nun hier um uns selber kümmern oder zur Tafel oder zur Wohlfahrt gehen... in jedem Fall stehlen uns die da Oben die Würde!"

Zunächst fand ich dies weit übertrieben. Würde ist ein innerer Wert des Menschen. Sie kann ihm selbst vom Tode nicht genommen werden. Doch ist sein Fazit, gezogen aus täglichem, bitterem Erleben von Armut in einem reichen Land, nicht doch zutreffend? Welche "Für und Wider" wären ins Feld zu führen. An existenzieller Not kann es nicht liegen, unser Sozialsystem sorgt in der Regel dafür, dass die materiellen Grundbedürfnisse  erfüllt werden. Viele Betroffene nehmen die Hilfe jedoch nicht oder nur teilweise an. Offensichtlich ist mehr im "Spiel"! Vielleicht geschieht es aus Angst, aus Scham, aus Trotz? Wenn ja, haben wir ein ethisches Problem, das den Zustand des moralischen Niveaus unserer Gesellschaft spiegelt. Dann geht es also primär nicht um Würde und Geld, sondern um Würde und Moral!

Um mich als Philosophen zu bezeichnen, habe ich zu viel in derer Werke gelesen. Mein Fable für die Ethik wird aus anderer Quelle gespeist. Für mich wird unsere Existenz auf diesem Planeten erst in zweiter Linie von den Grenzen des Wachstums und deren Folgen bedroht. Ich bin der Überzeugung, dass wir zunehmend an Moral verlieren und sich daraus alles Andere erklären lässt.

Ich habe das Vergnügen, seit etwa einem halben Jahrhundert eine Kohorte von einigen Hundert Menschen bewusst zu begleiten, mich mit ihnen auszutauschen und diskursiv die moralische Qualität ihrer Motive zu erfahren. Darunter befinden sich die unterschiedlichsten Leute, sie sind aber nach Einkommen und Vermögen durchaus als Oberschicht, Mittelschicht und Unterschicht zu verorten. Einige wenige gehören zweifellos zur reicheren Oberschicht, drei Dutzend sind als in Armut Lebende und der große Rest mehr oder weniger einer zu diesen Polen auseinanderdriftenden Mittelschicht zuzuordnen. Im Verfolg dieser Bewegung fielen mir bei den Reicheren immer öfter Verhalten auf, die durchaus den Geruch von moralischer Dekadenz ausströmen. Ich mache das vor allem an ihrer zunehmenden Gleichgültigkeit für die Belange der Res Publika fest. Als wäre es ihr Sport, betreiben sie Steuertricks und -betrug. Ihre Interessenlosigkeit für Vergangenheit und Zukunft des Landes zeigt sich mir in der Abkehr von Kinderwunsch und Opferbereitschaft. Zunehmend präsentieren sie provozierenden Luxus. Bei den Ärmeren ist die moralische Erosion eher in der Motivationsstruktur zu erkennen. Sie meiden und verunglimpfen die Lohnarbeit, streben zunehmend nach Alimentierung durch den Staat, delegieren die Verantwortung für ihr Leben an die Gesellschaft und beschädigen es durch gedankenlosen Raubbau an ihrer Gesundheit zusätzlich. Als Pendant zur Dekadenz der Reichen sehe ich darin hierin ein gewisses Siechtum der Ärmeren.
Siechtum und Dekadenz? Waren die davon befallenen Zivilisationen nicht auch immer dem Untergang geweiht?
Nun liebe ich Hochrechnerei und Trendberechnung überhaupt nicht. Da aber mein Probandenkreis der Stringenz der Entropie unterliegt, wonach Unordnung zunehmen muss, will ich einen Blick auf die Konsequenzen werfen und so tun, als ob meine Stichprobe die Grundgesamtheit "Volk" repräsentiert.

Wir wären gut beraten, es ernst zu nehmen, dass die Hauptrichtung des wiedererwachenden Panslawismus alla Danilewski, nach der die slawischen Völker, zuvörderst die Russen, missionarisch dem verdorbenen Okzident wieder Moral beizubringen hätten, eine der wichtigsten Rechtfertigung des Ukraine Krieges und seiner Opfer sind. Wir dürfen weiterhin auch nicht übersehen, dass die vom Iran ausgehende Bedrohung unserer Zivilisation ebenfalls als Kampf gegen die Amoral des Westens firmiert. Wir können dies entrüstet zurückweisen, sollten aber nicht die Augen davor verschließen, dass sowohl unsere privaten als auch unsere politischen Abwägungen und Entscheidungen immer seltener im Lichte der Ethik vorgenommen werden.

Wie wirkt nun der Verlust an Moral auf die Unantastbarkeit der Würde? Ich kam beim Bedenken dieser Frage zu den "Alten". Platos Substanzlehre geht davon aus, dass Substanz das Sein eines Dinges ist, also das, was unabhängig existiert, dessen Eigenschaften trägt und sich gleich bleibt - Akzidenzien hingegen die "Nicht-Wesentlichen" Eigenschaften eines Dinges. Aristoteles, Augustinus, Thomas von Aquino und Kant haben diese Gedanken aufgenommen und jeweils modifiziert. Descartes und Hobbes lehnten real existierende Akzidentien ab, so dass Spinoza nur noch eine einzige unendliche Substanz anerkannte, die von Attributen oder Modi bestimmt wäre.
Das sind meiner Ansicht nach nur enger gefasste Bestimmungen der Akzidenz. Selbst Heidegger versteckt in seinem Begriff "Ek-sistenz" viel von dem, was die Alten Akzidenz nannten. Sie ist nach seiner Begrifflichkeit dem menschlichen Wesen (für mich dessen Substanz) "angewest".
Deshalb scheue ich mich nicht, das "Totgesagte" zu beleben. Ich sehe die Substanz der menschlichen Würde im "Kant'schen Guten". Dieses Gute ist durch die Gottebenbildlichkeit des Menschen absolut. Akzidenz der Würde ist demnach alles das, was das Gute umgibt und sein Wirken ermöglicht. Es ist die Erscheinung des Guten im Handeln. Es ist Moral.

Kommen wir zur Ausgangsfrage zurück. Mir ist deutlich geworden, wie fest Würde und Moral verbunden sind. Sie stehen in einem dialektischen Verhältnis und können nur in diesem existieren. Der Obdachlose unter meinem Fenster hatte recht. Ob arm oder reich - mit der abnehmenden Evidenz des ethischen Impetus wird die Würde vakant und vermehren sich in unserem Volk die Anzeichen gefährlichen Siechtums und zersetzender Dekadenz.

Und meine Würde? Habe ich sie nicht selber angetastet, da ich den Mann mit Wodka abspeiste und auf dem hohen Ross Gedankenspiele der moralischen Tat vorzog?

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