Gedanken über den Kapitalismus

Veröffentlicht am 10. September 2026 um 13:20

Man könne sich eher den Weltuntergang vorstellen als das Ende des Kapitalismus…! – lese ich bei Sloterdijk. Nun gut. Selbst seine Vorstellungskraft reicht offensichtlich nicht aus, sich die Existenz der Zivilisation ohne Kapitalismus denken zu können. Szenarien des Weltunterganges hingegen wachsen aus dem  Status Quo ungebremst hervor und sind nicht nur denkbar, sondern bevölkern in reicher Ausstattung die Medien. So bleibt meinem schlichten Verstand nach vergeblichen Versuchen, eine Gesellschaft ohne profitgetriebene Wirtschaft und zockendes Finanzkapital zu entwerfen, kein anderer Schluss, als den Untergang als nächste Ausprägung des Weltgeistes zu befürchten.

Wenn der Kapitalismus wie Gott das zweite ewige Phänomen wäre, bliebe uns der Untergang erspart.

Darin besteht meine ganze Hoffnung!

In Anbetracht meines „allzumenschlichen“ Charakters und der Ahnung, dass mit Ausnahme sehr seltener, braver Citoyens und ehrlichgrünroter Kommunarden viele, viele Zeitgenossen eher mir ähneln, wird es der Kapitalismus jedoch sehr schwer haben, diese Hoffnung zu erfüllen.  Wahrscheinlich hat nur Gottes Ewigkeitsanspruch solide Fundamente. Als Alpha und Omega, als unbewegter Beweger, tief eingebettet im Transzendenten, metaphysisch eingemummelt, den heiligen Geist und seinen Sohn an der Front stationiert, muss er, obgleich mehrfach totgesagt, sein Ende nicht befürchten.

Der Kapitalismus jedoch besitzt diese komfortable Ausstattung nicht. Er hat einen Anfang, wird vom Materialismus bewegt, zeigt jedem (und täglich mehr) ein hässliches und böses Gesicht und hat in der Wahl seiner Adepten nicht immer ein glückliches Händchen. Wie können wir ihn trotzdem für das ewige Leben erhalten und so den Untergang vermeiden?

Da wäre zunächst die Überlegung, ob uns noch weitere Euphemismen einfallen -  also wie wir ihn begrifflich maskieren können, ihn weniger sichtbar, dann jedoch getarnt und mit gekreideter Stimme nur noch in den hinteren Zimmern agieren lassen. „Soziale Marktwirtschaft“ ist dafür ein schönes Beispiel. Jedoch nicht schön genug. Könnte man nicht wenigsten den Zusatz „Bollwerk gegen den Weltuntergang!“ anfügen. Dies wäre auch deshalb hilfreich, da wir nun erfahren, dass eine kapitalgedeckte Rente das Dilemma steigender Rentenbeiträge auflösen könnte. Für Kohl, Merkel und Scholz nicht voraussehbar, nun aber vom Genie des Herrn Merz als Spiel zwischen Demographie und Mathematik bemerkt, sei es die Renaissance einer der verantwortungsvollsten Ausrufe deutscher Innenpolitik, nämlich die „Rente ist sicher!“

Der als „historisch“ titulierte Kern einer gelungenen Rentenreform bestünde nun darin, dass durch zusätzlich eingesammeltes Geld der Arbeitnehmer und Arbeitgeber (nur 2 Prozent; bösartig, es als Erhöhung der Beiträge anzusehen!), dieser Ausruf endlich wahrgemacht würde. Als Kapital soll das Geld bzw. dessen Zustrom in die Finanzwirtschaft spätesten im Jahre 2090 sogar höhere Renten als gegenwärtig ermöglichen.

Donnerwetter! Ungeachtet meiner Bewunderung dafür, dass sich unsere Eliten endlich einmal in Weitsicht üben, habe ich doch eine banale Frage: Sie bezieht sich auf das kantsche Apriori der Geschichte: Ist Erkenntnis ohne Erfahrung sicher? Für die Prognose kommender Zeitläufte bis zum Ende des Jahrhunderts mag das die Statistik vortäuschen (wiederum Mathe und Demokratie). Dennoch bleibt Erkenntnis ohne Erfahrung spekulativ. Da an der Börse spekuliert wird und die Ewigkeit des Kapitalismus leider auch eine Spekulation ist, handelt es sich hier um mehrfache Spekulation. Folglich werden die Einzahler und die Einnehmer objektiv zu Spekulanten. Keine gute Voraussetzung, um beruhigt und guten Gewissens dem System das Geld zu geben und somit den Zockern an der Börse. Oder? Die Trendakrobaten und Mittelwertvergleicher mögen mir doch bitte widersprechen und verzeihen!

Als ob der Zeitgeist meine Worte bestätigen will, melden eben die Medien, dass Investments der Krankenkasse riesige Verluste zugefügt haben. Wann wachen die Börsenanbeter auf? Wann werfen die Zocker das Handtuch? Hoffentlich noch, bevor sie mit der Rentenabsicherung durch Investments angefangen haben!

 

Kommentar hinzufügen

Kommentare

Es gibt noch keine Kommentare.