Widerspruchsreglung oder Spende Bereitschaft?
Im Bundestag wurde über Organspende debattiert. Es ging um die Entscheidung zur Widerspruchsreglung. Danach soll jeder, der nicht widerspricht, zum Organspender werden. Das Plenum war gespalten, im Volk wird es radikaler zugehen! Das Spenden von Organen ist ein Akt von Solidarität und Nächstenliebe. Es ist eine gute Tat. Wenn sie zum Automatismus wird, verliert sie an Würde. Die selbstbestimmte Bereitschaftserklärung ist hingegen das Resultat eines Entscheidungsprozesses, dessen Verlauf eine Position gegenüber dem eigenen Tod elementar erfordert. Hierbei spielt die Frage, wann ein Mensch tot ist, eine gewaltige Rolle, denn ob nach Hirn- oder Herztod die Spende entnommen wird, hat für viele Menschen nicht eine technische, sondern eine spirituelle Dimension. Mit dieser geht der Zeitgeist recht oberflächlich um. Es ist ein ethisches Dilemma, da wir zwar nicht müde werden, unsere Werte zu verteidigen, dabei jedoch übersehen, dass die Würde des Lebens tiefergehende und ältere Quellen hat. Wir werden eine widerspruchsfreie Lösung des Konfliktes zwischen Widerspruchslösung und Bereitschaftserklärung nicht finden. Ein Kompromiss ist ebenfalls nicht möglich, also muss die Demokratie in ihrer direktesten Form die Verantwortung übernehmen.
Die Wissenschaft ist gefragt. Sie muss sich am Dilemma abarbeiten und die Techniken der Zellkultur und vor allem die Xenotransplantation konsequent zur Praxisreife entwickeln. Wirksamer als wieder und wieder vertagte Debatten wäre es, die erforderlichen Mittel von der Politik ohne „Wenn und Aber“ bereitzustellen. Darüber hinaus braucht es Visionen. In dem Roman „Cooles Geschwätze“ ist eine solche aufgezeigt. Hier eine entsprechende Leseprobe:
„Setzen sie sich!“ – sagte Kuhl, offensichtlich sehr gespannt und wies auf den einzigen Stuhl des kargen Vorraumes. Baranowska hörte die Ungeduld und wusste, dass sie sich bekennen musste. Sie setzte sich nicht. und lief auf und ab. „Organe älterer Spender“ – dozierte sie dann - „sind vulnerabler und immunogener. Sie weisen signifikante Besonderheiten auf, die den Erfolg einer Transplantation gefährden können. Normalerweise darf ein Organ maximal acht Stunden außerhalb der Körper sein. Dies ist nur schwer zu realisieren und wird deshalb in einem sogenannten Organ-Care-System verlängert. Wegen der erhöhten Anfälligkeit älterer Organe sind Perfusions-Schäden während der Lebenderhaltung häufiger als bei jüngeren Organen festzustellen. Möglicherweise ist auch eine vermehrte Antigenpräsentation oder eine höhere lokale Apoptose-Rate damit verbunden.“
Kuhl wurde unruhig. „Meine Spende wird geeignet sein!“ - sagte er und schluckte – „denn ich will es! Ihre Zweifel können sie sich sparen. Wenn ich nicht so neugierig wäre und der Herr Sandsteiner nicht jeden Tag bezahlen müsste, würde ich sofort…!“
„Sie haben es wirklich faustdick hinter den Ohren! Sind sie sich eigentlich im Klaren darüber, dass es hier um ihren Tod geht?“
„Nein! Geht es nicht! Es geht um mein Leben!“ – stieß Kuhl hervor, sarkastisch, wie ein siegreicher Schüler im ewig tobenden Klassenkampf und bemerkte im Tonus der Selbst-Verständlichkeit, dass Perfusion Durchlauf-Geschwindigkeit bedeutete. „Aber was heißt normotherm?“ - fragte er dann.
„Die normale Prozesstemperatur beträgt etwa 25 Grad, darauf werden sie nach Hirntod heruntergekühlt. Ich aber führe für die Wiedereröffnung die warme Perfusion bei 38 Grad Celsius durch, die Einzelheiten werden sie ja kaum interessieren.“ „Warme Perfusion! Also keine Tiefkühltruhe, kein steingefrorenes Herz, sondern leicht erhöhte Körperwärme im gesamten Prozess. Das ist ja zauberhaft! Und, darf ich ihnen erzählen, was mir dazu einfällt?“
Wie Baranowska geahnt hatte, war es nicht einfach mit dem Alten. Noch konnte sie freundlich lächelnd ihre medizin-pädagogische Kompetenz bewahren, ergeben nicken und sagen: „Man wird es kaum verhindern können!“
Vergnügt richtete Kuhl sich auf und begann genüsslich.
„Ich will ihnen etwas über Zagreus erzählen. Er ist der Sohn von Zeus und Persephone und wurde von den Titanen zerstückelt…“ Kuhl unterbrach, schaute die Ärztin an und fragte scheinheilig: „Sie wissen doch, griechische Mythologie?“
„Halten sie mich für blöd?“ – fragte Baranowska zurück und wusste im selben Moment, dass es so war. „Na ja!“ - entschuldigte Kuhl die Vermutung – „Immerhin sind sie nur Naturwissenschaftlerin…!“
Baranowska parierte schon drastischer: „Übers Zerstückeln weiß ich alles“ – sagte sie – „dessen werden sie noch gewahr werden. Und auch über den Hades. Dort hängt mein Steckbrief!“
Baranowska hoffte, ihn gestoppt zu haben. Davon konnte jedoch keine Rede sein! Scheinbar wurde es ihm immer wichtiger, von ihr wichtig genommen zu werden. Eine Göttin, fabulierte er, hätte die gesammelten Teile vor dem Zusammenfügen gekocht. Nur wegen dieser sehr warmen Behandlung wäre es möglich gewesen, Zagreus wieder zusammen zu setzen, und ihm neues Leben einzuhauchen.
Trotz des ziemlich lockeren Umgangs mit Temperaturniveaus, hatte die Frau Doktor dem Feuilletonisten gerne zugehört. Eine in den griechischen Mythos zurückführende Parallele zu ihrer warmen Perfusion kannte sie bis dahin nicht und war demgemäß auch beeindruckt. Kuhl spürte dies und setzte noch eins drauf: „Nur das Kradiaios des Zagreus wurde nicht eingefügt, sondern ist bei der Göttin verblieben. Wie sie selbstverständlich wissen, wird Kradiaios üblicherweise mit „Herz“ übersetzt. Neuere Forschungen hingegen haben enthüllt, dass ein anderes Körperteil, nämlich der Phalos, gemeint ist.“
„Eine intelligente Retourkutsche, die ihnen da gelungen ist!“ – gab die Baranowska beeindruckt zu – „Ich gestehe, erstaunt zu sein! Bin ich ihnen vielleicht zu nahe getreten bei unserer ersten Konsultation…?“
“Es war schon ein wenig delikat, wie sie mir gekommen sind!“ – kicherte Kuhl und blickte sie glücklich an. Als wäre sie verlegen, senkte Baranowska den Kopf, rettete sich in ärztlicher Routine und erklärte: „Man muss also untersuchen, ob die Organe des potentiellen Spenders für eine Maschinenperfusion geeignet sind. Dies ist bei alten Menschen kaum noch der Fall. Deswegen muss ich sie gründlichst befragen unter Verwendung…“.
Kuhl strahlte. Es schien, als hörte er kaum noch zu. Sie brach den Sermon ab. Was erzähle ich denn da diesem armen Menschen, fragte sie sich. - Damit Sandsteiner an dem Alten herumfummeln darf! - fand sie die stille Antwort.
Augenblicklich war sie entschlossen, nur noch in eigener Sache zu agieren. „Wenn sie bei ihrem Vorhaben bleiben“ - sagte sie sachlich – „könnte ich, wenn…“
„Wenn…?“ Kuhl blickte erwartungsvoll auf ihre Lippen.
„Wenn sie bereit sind, ihre Organe einem Schwein zu spenden!“
Kuhl erstarrte. Dann grinste er. „Ich verstehe, ich verstehe, einem Minister, oder sonst jemandem aus der sogenannten Elite. Was?“ Baranowska schüttelte lächelte den Kopf. Es bewirkte, dass Kuhl, aufs höchste erregt, aufstand, ebenfalls herumlaufen wollte, schwankte und sich dann auf der Bettkante niederließ. Nun setzte sich auch die Ärztin. Kuhl nicht aus den Augen lassend erläuterte sie ernst: „Ich meine dies wortwörtlich. Ich habe herausgefunden, dass eine einem jungen Hausschwein transplantierte menschliche Niere schnell einwächst und zu jedem Zeitpunkt wieder entnommen werden kann! Die Tiere behalten uneingeschränkt ihre arteigene Lebenserwartung, ihr gesamter Organismus ist so konditioniert, dass es kaum Abwehrreaktionen bei nachfolgender Re-Transplantation zum Menschen gibt. Darüber hinaus bekommen weitere Organe eine erhöhte Eignung für uns. Ich kann sagen, dass auf der Basis meiner Erkenntnisse und Fähigkeiten das Hausschwein zum Parkplatz für gespendete Menschen-Organe werden kann und man so zu jeder Zeit diese Organe zur Verfügung hätte, also ein Tier zur Rettung von Menschenleben nutzt, anstatt es zu verspeisen…!“
Man hörte Kuhls schweren Atem. Sein Oberkörper bewegte sich, als wäre der Mann stupid geworden; vor und zurück, vor und zurück. Die Augen hielt er geschlossen.
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